Oradour-sur-Glane 2025

Am 10. Juni 1944 wurde das französische Dorf Oradour-sur-Glane Schauplatz eines der grausamsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Angehörige der Waffen-SS ermordeten in wenigen Stunden 642 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – und brannten das Dorf nieder. Auf Anweisung Charles de Gaulles blieb es als Mahnmal erhalten. Die Ruinen stehen noch immer so da wie damals.

Im Frühjahr 2025 bin ich dorthin gefahren, um zu fotografieren. Man fotografiert in Oradour keine Architektur und keine Landschaft. Man fotografiert die Zeit, die stehen geblieben ist. Von hier aus begann meine Arbeit.

Im selben Jahr, am 22. Juli 2025, fotografierte ich auf Utøya – jenem Ort, an dem am 22. Juli 2011 neunundsechzig junge Menschen ermordet wurden, weil sie sich zu einer Gesellschaft der Offenheit, Vielfalt und Solidarität bekannten. Ich fotografierte in Auschwitz-Birkenau, dem Synonym für industriellen Massenmord. Und ich fotografierte in Duisburg, meiner Heimatstadt – an Orten des Widerstands und an Orten, an denen heute Zukunft verhandelt wird.

Meine Arbeiten fragen nach Kontinuitäten – nach den Linien zwischen der Gewalt von damals und den Bedrohungen von heute. Von der Ermordung Walther Rathenaus über die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds bis zu den Anschlägen von Halle, Hanau und Christchurch: Die Ideologie bleibt. Sie verändert ihr Gesicht, nicht ihren Kern.

Im Oktober 2025 reiste ich mit Jugendlichen der Gruppe Bahtalo aus Duisburg-Rheinhausen nach Oświęcim. Die Reise war Teil meiner langjährigen Arbeit mit Jugendlichen, aus der auch der fotografische Zyklus Next Generation hervorgegangen ist.

Mich treibt nicht die Vergangenheit an, sondern die Gegenwart. In ihr findet das Vergessen statt – leise, alltäglich, gleichgültig. Wir verdrängen Verbrechen, übersehen Kontinuitäten und jene, die mit dem leben müssen, was wir hinterlassen. Erinnerung ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Hinschauen ist ein Gespräch – mit denen, die nach uns kommen.


Ausstellung Eröffnung: 14. März 2026, 18 Uhr Alte Brotfabrik Overbeck, Duisburg Im Rahmen der Duisburger Akzente 2026