


Die Bundesrepublik befindet sich in ihrer größten Krise seit 1949. Geschichte muss in uns leben – als Impfstoff gegen Barbarei. Ruth Bambergs Werk macht aus dem Vergessenen das Lebendige. In der Brotfabrik Overbeck konfrontiert sie uns mit unserer gemeinsamen Verantwortung für die Ermordeten – damit die freiheitlich-demokratische Grundordnung auch für die nächste Generation Bestand hat.
Cyrus Overbeck
Oradour-sur-Glane, 2025
Im Frühjahr 2025 reiste ich nach Oradour-sur-Glane. Ein Ort, an dem die SS 642 Menschen ermordete und die Stadt niederbrannte. Man fotografiert dort keine Architektur. Man fotografiert die Zeit, die stehengeblieben ist.
Im selben Jahr fotografierte ich auf Utøya, wo 2011 ein Rechtsterrorist neunundsechzig junge Menschen erschoss. In Auschwitz-Birkenau. Und in Duisburg – meiner Heimatstadt – an Orten des historischen Widerstands.
Meine Arbeiten fragen nach Kontinuitäten. Rassistische, antisemitische und autoritäre Ideologien sind nicht verschwunden – sie verändern ihre Gestalt, ihre Sprache, ihre Strategien. Von der Ermordung Walter Rathenaus über die Verbrechen des NSU bis zu den Anschlägen von Halle, Hanau oder Christchurch: keine isolierten Ereignisse, sondern Ausdruck politisch motivierter Gewalt.
Einige Orte habe ich gemeinsam mit Jugendlichen von „Bahtalo“ besucht. Diese Arbeit inspirierte den Zyklus „Next Generation“ – junge Neudeutsche, geschmückt mit Blütenkronen, an historischen Orten ihrer Stadt. Selbstbewusst, sichtbar, gegenwärtig.
Erinnerung ist keine Aufgabe der Jungen allein. Sie ist eine gemeinsame Verantwortung.
Die Fotografie ist dabei Werkzeug. Kunst verdichtet, verschiebt Perspektiven, macht Zusammenhänge sichtbar. Sie schafft keine Antworten – aber sie fordert Hinschauen.
Dass diese Ausstellung in der Brotfabrik Overbeck stattfindet, ist Auszeichnung und Verpflichtung zugleich. Fritz Overbeck nutzte diesen Ort als entschiedener NS-Gegner, um über die Verbrechen des Regimes aufzuklären. Die Verbindung zwischen diesem historischen Mut und der heutigen Auseinandersetzung ist kein Zufall. Sie ist ein Auftrag.
Ruth Bamberg

Bahtalo e.V. erhält 2. Platz beim Deutschen Lesepreis 2026
Duisburger Medienprojekt überzeugt mit innovativem Ansatz zur digitalen Leseförderung

5. Februar im Humboldt Carré in Berlin v.l. Boudicca Airinger, Amina El-Maknati, Ruth Bamberg, Cana Yücel Deutscher Lesepreis 2026; Copyright Stiftung Lesen/ Sascha Radke
Das Projekt „RESIST! – Deine Story, Deine Stimme“ wurde am Donnerstag 5. Februar im Humboldt Carré in Berlin mit dem 2. Platz des Deutschen Lesepreises in der Kategorie „Herausragende Leseförderung mit digitalen Medien“ ausgezeichnet. Bahtalo e.V. nahm die Ehrung zusammen mit Medienkünstlerin Ruth Bamberg entgegen, die das Projekt entwickelt hat.
RESIST!, gefördert vom Deutschen Bibliotheksverband, richtet sich an Jugendliche, deren Perspektiven oft übersehen werden. Ausgehend von Graphic Novels erstellen die Teilnehmenden Podcasts, Videos und Smartphone-Beiträge – von passiven Konsumierenden werden sie zu aktiven Produzierenden und stärken ihre Lese- und Medienkompetenz. „Die Jugendlichen lernen zu lesen, auszuwählen, zu strukturieren und zu gestalten“, so die Jury.
Der Deutsche Lesepreis, verliehen von der Stiftung Lesen und der Commerzbank-Stiftung, würdigt jährlich herausragende Projekte in der Leseförderung. Für Bahtalo e.V., seit Jahren in der integrativen Kinder- und Jugendarbeit in Duisburg-Rheinhausen aktiv, ist die Auszeichnung eine wertvolle Anerkennung.
Die Preisverleihung moderierte Lesebotschafterin Mona Ameziane unter der Schirmherrschaft von Kulturstaatsminister Dr. Wolfram Weimer.
9. November 2025, Liebfrauenkirche Duisburg
„Being foreign“ Video 3´30“, Ruth Bamberg 2025
Schauspiel: Jonathan Bamberg
Text aus: „IchundIch“, 1940 Jerusalem, Fragment aus dem Nachlass von Else Lasker-Schüler.
Ton: Daniel Maskow
Generative KI: Synthesia, Sora, Heygen, ChatGPT 4+, Claude
Ausschnitt aus „Being Foreign“, 2025

Kurzfilm-Programm: „Assembling the Pieces“ + „Both Sides Now“ – im Lichtburg-Filmpalast, 7.10.25, 19h
In Kooperation mit dem Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg zeigen wir das kuratierte Programm „Assembling the Pieces“ vom diesjährigen Festival. Die Filme von Rani Avidan, Ruth Blory, Ariel Elbert, Itai Osterman, Rotem Pesachovish Paz, Adi Shinar, Zohar Wagner und Oleg Yakovlev setzen Bruchstücke einer erschütterten Wirklichkeit neu zusammen und erzählen in persönlichen, dokumentarischen und künstlerischen Formen vom 7. Oktober: von Verlust, Überleben und Hoffnung – Fragment für Fragment. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit Kurator Arkadij Khaet.
Danach zeigen wir die Uraufführung von „Both Sides Now“, ein Kurzfilm von Ruth Bamberg, basierend auf einer einjährigen filmischen Begleitung der Jüdischen Gemeinde Duisburg–Mülheim/Ruhr–Oberhausen im Rhythmus der Feiertage, im Rahmen von 1700 jahre jüdisches Leben in Deutschland, 2021. Der Film ist eine Weiterarbeit ihrer Bewegtbildinstallation „Coming Home“, die wir im Dezember 2025 in der Unterhaus-Galerie zeigten.
Next Generation





Ein partizipatives Projekt, das mit Jugendlichen arbeitet, nicht über sie spricht.
Jugendliche aus Duisburg werden an bedeutsamen Orten ihrer Stadt porträtiert – dort, wo einst Menschen Mut bewiesen haben, und dort, wo heute Zukunft verhandelt wird. Es entstehen großformatige Fotografien, die junge Stimmen sichtbar machen und Geschichte mit Gegenwart verbinden.
NEXT GENERATION verschafft der jungen Generation Präsenz im öffentlichen Raum. Die Porträtierten kehren als künstlerische Arbeiten an die Orte zurück, wo sie fotografiert wurden – als Statement für Sichtbarkeit, Teilhabe und die Macht der Kunst, gesellschaftliche Diskurse zu prägen.
Das Projekt ist eine kritische Kunstpraxis, die durch ästhetische Mittel zur Demokratisierung des öffentlichen Diskurses beiträgt.
Oradur-sur-Glane
Am 10. Juni 1944 wurde das französische Dorf Oradour-sur-Glane Schauplatz eines der grausamsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. 642 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – wurden von Angehörigen der Waffen-SS ermordet. Das Dorf wurde niedergebrannt und sollte für immer von der Landkarte verschwinden.
Doch Oradour verschwand nicht. Auf Anweisung von Charles de Gaulle blieb das zerstörte Dorf als Mahnmal erhalten – ein stummes Zeugnis und zugleich ein Ort des Gedenkens. Die Ruinen stehen heute noch so da, wie sie nach dem Massaker zurückblieben.
Die Kamera wird hier zum Werkzeug eines stillen Dialogs zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Jede Aufnahme trägt die Verantwortung, nicht nur zu zeigen, sondern zu mahnen.




